Schafft der Mensch sich ab?

Schafft der Mensch sich ab?

Leere Fabriken und sich verselbstständigende Maschinen – wer allein dieses Schreckensbild der modernen Arbeitswelt im Kopf hat, übersieht die vielfältigen Möglichkeiten und Chancen, die die Digitalisierung Unternehmen und ihren Mitarbeiten bietet. Gerade die chemische Industrie steht bei diesem Thema erst in den Startblöcken.

Text: Thomas Luther

 

Durch die Digitalisierung wird Arbeit flexibler und kreativer“, sagt Professor Dr. Christoph Meinel, Direktor und Geschäftsführer des Hasso- Plattner-Instituts. „Es gibt einen gewaltigen Umbruch in der Arbeitswelt“, schreibt der frühere IG-Metall-Chef Detlef Wetzel in seinem Buch „Arbeit 4.0“. „Die Digitalisierung bedeutet Herausforderung, bietet aber große Chancen für uns“, gibt sich Lanxess-Chef Matthias Zachert überzeugt. Er wird in diesem Jahr so viel Geld wie noch nie in neue Technologien und Prozesse investieren, um den Kölner Spezialchemiekonzern zum digitalen Vorreiter der Branche zu machen.

Drei Einschätzungen von drei Experten mit ganz unterschiedlichem Hintergrund. Ihre Blickrichtung ist jedoch ähnlich. Und alle drei kommen zum nahezu gleichen Schluss: Der digitale Transformations-prozess wird die industrielle Arbeitswelt nachhaltig verändern, ja revolutionieren. Die bereits heute schon zu beobachtende Disruption in einzelnen Branchen, wie etwa dem Handel, wird weiter voranschreiten. Märkte und Industrien werden sich dynamisch verändern – auch forciert durch den demografischen Wandel und die weitere Globalisierung. Dieser pauschale Befund ist nicht neu. In Umrissen immer deutlicher wird jedoch, wie der zunehmende Einsatz digitaler Technologien bestehende Prozesse umwälzt und vorhandene Strukturen verändert. Im Fokus stehen dabei bislang die Neuorganisation von Arbeit und die Veränderung in der Tätigkeit des Einzelnen. Welche neuen und alten Qualifikationen müssen Menschen mitbringen in der digitalen Zukunft, um ihren Job zu machen?

Welche neuen Arten der Interaktion zwischen einzelnen Arbeitskräften, Teams und Abteilungen wird es geben? Einer Studie der Universität St. Gallen zufolge ist die zukünftige Arbeitswelt zuallererst geprägt durch Netzwerke. Starre Organisationsstrukturen werden sich mehr und mehr auflösen und durch flexible, interdisziplinäre Teams abgelöst werden. Unternehmen werden vereinfacht gesprochen ihre Fertigungstiefe tendenziell verringern und Prozesse stärker aufteilen, um sie sowohl mit inals auch externen Kooperationspartnern zu teilen. „Arbeit an sich wird sich durch die Digitalisierung fundamental wandeln“, ist Ravin Jesuthasan, Managing Director bei Towers Willis Watson, überzeugt. „Tradierte Führungs- und Organisationsstrukturen innerhalb von Unternehmen werden sich auflösen, Arbeit wird disaggregiert in Aufgaben, die dispers sowohl intern als auch extern abgearbeitet werden.“

Das Ende der Hierarchien

In diesem Umfeld werden digitale Fähigkeiten nach Einschätzung der Arbeitsmarktforscher und Digitalisierungsexperten aus St. Gallen zu einer Kernqualifikation. Einzelne Arbeitsplätze und Tätigkeiten von Mitarbeitern werden aus vorhandenen festen Strukturen herausgelöst. Stattdessen werden sie nach Qualifikationen flexibel organisiert und eingesetzt. Hierarchien lösen sich dadurch auf. An deren Stelle rückt eine enge, interdisziplinäre, abteilungsübergreifende Zusammenarbeit in den Fokus. Nicht mehr Manager, sondern IT-Systeme mit Künstlicher Intelligenz geben Strukturen und Prozesse vor. Für die Wissenschaftler wird daher ein agiles Management noch mehr als bisher zum Erfolgsfaktor. Für den einzelnen Arbeitnehmer heißt das: Die feste Anstellung verliert an Bedeutung.

Ihrer Qualifikation entsprechend werden sich Arbeitnehmer zukünftig – gegebenenfalls auf freiberuflicher oder kleinunternehmerischer Basis – projektbezogenen Teams anschließen, die sich wiederum aus unterschiedlichen Ressourcen speisen. Innerhalb dieser Teams wird ein strukturiertes Wissensmanagement zum Erfolgsfaktor – bei der Abwicklung des Projekts, aber auch, um Lernkurveneffekte anderer Teams zu beschleunigen. „Entscheidend wird dabei sein, dass Unternehmen ihr abteilungsübergreifendes Denken und die interne Zusammenarbeit deutlich verbessern“, sagt Marco Wagner, Beratungsexperte bei T.A. Cook.

Vor allem traditionelle Industriebranchen wie die chemische Industrie stellt die Veränderung der Arbeitswelt vor personelle Herausforderungen. Da ist zunächst der Fachkräftemangel. Er wird sich einer im Sommer vergangenen Jahres veröffentlichten Studie des Basler Forschungsinstituts Prognos zufolge bis zum Jahr 2040 ganz deutlich weiter verschärfen. Bis 2025 werden allein in der Chemiebranche im Schnitt 7.500 Fachkräfte pro Jahr in den Ruhestand gehen. Damit droht dort wie in anderen Bereichen auch ein Braindrain, in dessen Zuge Know-how und Expertise verloren gehen.

Aus Big Data wird Smart Data

Die Digitalisierung erfordert, diesen personellen Übergangsprozess zu managen – etwa durch flexible Übergangsregelungen und Arbeitsverhältnisse. Denn bedingt durch den demografischen Wandel wird es zum einen immer schwieriger, Berufseinsteiger zu gewinnen, bei denen es wiederum Jahre dauert, sie auszubilden. Zum Zweiten wird es ein Erfolgsfaktor werden, neue Mitarbeiter zu gewinnen, die digitale Qualifikationen und die passende Denke mitbringen für die zukünftige Art des Arbeitens, um aktiv und effizient Prozesse zu gestalten.

So wird es bald mehr und mehr darauf ankommen, die ständig größer werdende Menge an Daten und Informationen nicht nur zu analysieren, sondern auch die richtigen Schlussfolgerungen und Handlungsanweisungen daraus zu ziehen – und diese dann auch in das Unternehmen zu kommunizieren. Aus Big Data wird Smart Data. Dadurch werden sich im Einzelfall das Anforderungs- und Qualifikationsprofil einzelner Mitarbeiter verändern – weg von einer fokussiert ausgeprägten Expertise in einzelnen technischen Disziplinen hin zu einer fachlich breiter ausgelegten Kompetenz, wobei sich der Mitarbeiter in vielen Bereichen auskennt. Eine Möglichkeit, die personelle Lücke zu füllen, ist, mehr weibliche Arbeitskräfte zu mobilisieren als bisher – gerade in Industriebranchen und Ländern, in denen das aus traditionellen Gründen bisher vernachlässigt wurde. „Frauen bringen häufig sehr gute kommunikative Fähigkeiten mit, wodurch sie für viele Jobs und Aufgaben in der digital geprägten Arbeitswelt geeignet sind“, sagt T.A. Cook-Experte Wagner.

In einem auch global gesehen angespannten Arbeitsmarkt werden Unternehmen zudem ihren Mitarbeitern mehr Möglichkeiten für deren individuelle Work-Life-Balance bieten müssen, wie etwa Sabbaticals, Home-Office und flexible Teilzeitmodelle. Nur so werden sie auch für internationale Fachkräfte attraktiv bleiben. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung ist schon heute die Implementierung eines Wissensmanagements elementar wichtig. Entscheidend für Unternehmen wird sein, das immaterielle Asset „Know-how der Mitarbeiter“ systematisch in digitalen Medien – etwa Blogs, Wikis, Tutorials oder Podcasts – zu sichern und den Übergangsprozess zu managen. Aus der bevorstehenden demografischen Entwicklung sollten Firmen außerdem ihre Lehren ziehen und ihre Organisationsstrukturen und Produktionsprozesse so flexibel halten, dass sie zukünftig weniger vom Wissen einzelner Mitarbeiter abhängig sind. Vor allem sollten sie verhindern, dass Mitarbeiter an verantwortlicher Stelle in der Lage sind, Herrschaftswissen anzuhäufen.

Neues Wissen, neue Werte

Auch die genannten flachen Hierarchien helfen dabei. In einer modernen Führungs- und Managementkultur, die mit wenigen Stufen auskommt, haben Mitarbeiter höhere Anreize, eigene Ideen zu entwickeln und einzubringen. Unternehmen, die ihre Digitalisierungsstrategie vorantreiben und agil bleiben wollen, sind daher gefordert, Antworten zu entwickeln, wie auch in großen Einheiten Verantwortung delegiert und der Mitarbeiter an Entscheidungen des Managements beteiligt werden kann. Traditionell denkende Führungskräfte stellen solche Veränderungen sicher vor große Herausforderungen.

Dagegen ist der Anspruch, digitale und technische Kompetenz zu erwerben, vergleichsweise einfach zu
erfüllen. Sich neues Wissen anzueignen ist eine Frage der Zeit und Geduld. Neue Werte zu leben aber bedarf einer gehörigen Portion Überzeugung. Oder anders gesagt: Digitale Technologie kann jeder, digitale Führung ist sehr viel schwieriger.

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