Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit:

Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit:

Konzerne investieren in eigene 5G-Netze

Kaum ist die Versteigerung der 5G-Frenquenzen abgeschlossen, fordern Industrievertreter von der Politik einen zügigen Netzausbau. Auf die Regierung oder die Mobilfunkanbieter verlassen wollen sich einige Unternehmen trotzdem nicht.  Sie drücken aufs Tempo und denken intensiv über eigene 5G-Netze nach. Kein Wunder: Sowohl in der Produktion als auch bei Instandhaltung und Überwachung bietet die Technologie jede Menge Potenzial – und sichert zudem die internationale Wettbewerbsfähigkeit.

 

von Jens Rospek

Mehr als 6,5 Milliarden Euro: Diese riesige Summe nimmt der Bund mit der Versteigerung der neuen 5G-Mobilfunkfrequenzen ein. Kaum ist die Auktion abgeschlossen, klagen die siegreichen Bieter Deutsche Telekom, Vodafone, Telefonica Deutschland und Drillisch auch schon: Aufgrund der hohen Kosten bleibe ihnen kaum bis überhaupt kein Geld, um den nötigen Netzausbau voranzutreiben. Stattdessen solle der Staat die Milliarden-Einnahmen in die benötigte Infrastruktur stecken. Unterstützung erhalten die Mobilfunkanbieter von Seiten der Industrie. So fordert Dieter Kempf, Präsident des Industrieverbandes BD: „Der Bund sollte ganz konkret den Glasfaser-Ausbau und die Versorgung ländlicher Gebiete vorantreiben“. Dort befinde sich ein Großteil der Industrie-Arbeitsplätze.

Bereits Anfang April waren die Ansagen bei der Hannover Messe klar und deutlich: Teile der deutschen Industrie wollen nicht länger auf 5G warten. „Wir brauchen 5G. Andere Techniken für die modernen Anforderungen reichen nicht aus“ oder „5G ist die Schlüsseltechnologie für die weitere digitale Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft“. Aussagen wie diese machen die Ungeduld der Unternehmen deutlich. VW, Audi, BASF und eine Hand voll weiterer Großkonzerne nehmen das Heft deshalb selbst in die Hand – oder denken zumindest laut darüber nach. Ihr Plan: Statt auf die Mobilfunkanbieter zu warten, wollen sie in eigene 5G-Netze investieren.

Möglich ist das, weil die Bundesnetzagentur Unternehmen ab Sommer 2019 erstmals die Möglichkeit bietet, lokale Frequenzen zu ersteigern. Rund 25 Prozent des Gesamtkontingents sind für die Firmen reserviert, während die siegreichen Mobilfunkanbieter die restlichen drei Viertel unter sich aufteilen. Der Weg vom der Auktion bis zum Bau von Sendemasten ist allerdings noch lang und könnte Jahre dauern.  Kein Wunder also, dass einige Unternehmen mit den Hufen scharren. Doch neben der Ungeduld, die Industrie 4.0 nicht nur schleppend und stellenweise etablieren zu wollen, gibt es weitere gute Gründe für das Interesse am eigenen 5G-Netz.

Unabhängigkeit erhöht Geschwindigkeit und Leistung

„Zum Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit müssen wir in der Lage sein, maßgeschneiderte, flexible und lokal begrenzte „eigene“ 5G-Netze zur Kommunikation zwischen Maschinen, Systemen und Anlagen zu betreiben – und zwar unabhängig von den großen Mobilfunkprovidern“, sagt beispielsweise eine BASF-Sprecherin auf Nachfrage. Die Selbstversorgung bietet den Konzernen im Vergleich zu denen, die im öffentlichen 5G-Netz hängen, zwei wesentliche Vorteile. Da sind zum einen die Dauerthemen Datenmenge und Datensicherheit. Je smarter die Fabrik, desto größer die Menge an sensiblen Daten. „In unserem Stammwerk Ludwigshafen haben wir aktuell rund 600.000 Sensoren und Aktoren im Einsatz. Durch die Digitalisierung könnten es zehnmal so viele werden. Diese Geräte werden teilweise ohne zwischengeschaltete Steuerung miteinander kommunizieren. Diese Mengen schafft außer 5G keine andere Technologie“, so BASF. Vorteile bieten sich auch beim Datenschutz. Eine eigene, lokale Frequenz, bei der man sich in Sicherheitsfragen nicht auf den Provider verlassen muss, lässt IT-Experten und Unternehmensführung ruhiger schlafen.

Zum anderen geht es den Anlagenbetreibern ums Tempo. Zwar verspricht die 5G-Techik nahezu Echtzeitgeschwindigkeit – allerdings nur bei voller Leistungsfähigkeit. Im öffentlichen Raum stehen die Unternehmen daher vor dem gleichen Problem wie jede mehrköpfige Familie in der eigenen Wohnung: Greifen alle gleichzeitig auf das Netz zu, sackt die Geschwindigkeit ab. „Das lokale Frequenzband und Industrial 5G sind für die Industrie deshalb so wichtig, weil der jeweilige Anwender das Funknetz nur so, ähnlich dem Ansatz beim kabelgebundenen TSN (Time-Sensitive Networking), für seine Anwendungen optimieren kann “, Herbert Wegmann, General Manager Industrial Communication and Identification bei Siemens. Auch sein Unternehmen schmiedet deshalb Pläne, in der zweiten Jahreshälfte eigene Frequenzen zu erwerben.

Nur mit 5G konkurrenzfähig

Der Blick auf die internationale Konkurrenz verrät, warum Großkonzerne wie BASF, Siemens & Co. bei 5G aufs Tempo drücken. Besonders in China schreitet die Digitalisierung rasant voran – vor allem, weil die Unternehmen dort nicht jahrelang auf die neue Technologie warten müssen. Umgekehrt finden sich Schlagzeilen wie „Deutsche Unternehmen haben bei der Digitalisierung noch Nachholbedarf“ (Handelsblatt) oder „Deutsche Unternehmen kriechen der Digitalisierung hinterher“ (FAZ) seit Jahren regelmäßig in der Presse. Die Aussage ist klar: Nur mit 5G als neuem Standard bleibt die deutsche Industrie mittel- und langfristig international wettbewerbsfähig.

Was mit flächendeckenden 5G alles möglich ist, dafür findet sich schon heute das ein oder andere Praxisbeispiel in der Produktion. In Ludwigshafen rollt beispielsweise bereits heute ein autonomer Tanktransporter, auch als Automated Guided Vehicle (AGV) bekannt, durch das BASF-Stammwerk. Im Gegensatz zu den Vorgängermodellen kommt das Fahrzeug ohne Fahrer aus – gerade in Gefahrenbereichen in großer Vorteil. Geht es nach BASF, sollen weitere Modelle folgen. Das Problem: Um die Liveübertragung und die riesigen Datenmengen, die zwischen Fahrzeug und Endgeräten hin und her fließen, zu gewährleisten, braucht es 5G. Erst recht, da der Einsatz solcher Fahrzeuge lediglich die Spitze des Eisbergs ist: Von der Live-Überwachung von Transportbehältern über eine sich selbst anpassende, adaptive Fertigung in Echtzeit: Die Möglichkeiten und Einsparpotenziale mit und dank 5G sind gewaltig.

Neben der Produktion ist das Echtzeitinternet auch bei zukünftigen Optimierungsprozessen eine zentrale Voraussetzung. Der Grund: Ohne 5G funktioniert ein smarten Fabriken mittelfristig kein Turnaround mehr: „Unternehmen, zum Beispiel aus der Chemiebranche, brauchen die hohe Geschwindigkeit zum Datenaustausch. Wenn bei einem Shutdown oder Turnaround mehrere hundert Instandhalter auf dem Gelände sind, braucht jeder Tablet-PC einen Echtzeitzugang zu einem SAP System. Das funktioniert gar nicht mit 4G oder nur sehr teuer über WLAN-Systeme.“, lautet die Analyse von Dieter Körner, Partner bei T.A. Cook.

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