„Es muss intensiv in die Weiterbildung investiert werden, um die Mitarbeiter für die digitale Transformation zu begeistern.“

„Es muss intensiv in die Weiterbildung investiert werden, um die Mitarbeiter für die digitale Transformation zu begeistern.“

Wie gehen Mitarbeiter mit der zunehmenden Digitalisierung im eigenen Unternehmen um? Ist das Tempo zu hoch? Benötigen wir mehr IT-Experten? Endgültige Antworten gab es zwar nicht auf den Perspectives, zu denen Infraserv Höchst auf das Achema-Messegelände geladen hatte, aber dennoch versuchten sich die Diskussionsteilnehmer der Frage „Wo bleibt der Mensch?“ zu stellen.

TEXT: Sabine Mühlenkamp

 

So sieht Francesco Grioli, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstandes der IG BCE, die chemische Industrie zwar besser für die digitale Transformation gerüstet als so manch andere Branche. Angesichts der derzeitigen großen Dynamik gelte es aber nun, die richtigen Weichen zu stellen. Aus Sicht der Gewerkschaft müssen zwar Fragen in Bezug auf den Datenschutz oder eine eventuell drohende Überlastung durch die Digitalisierung beantwortet werden, viel wichtiger sei es jedoch, die Chancen zu begreifen. Grioli ist davon überzeugt, dass letztendlich die neuen Technologien helfen, Arbeitsplätze zu erhalten. „Wir müssen in der deutschen Industrie mindestens so viel besser sein, wie andere Länder billiger sind“, so sein Credo. Seine Schlussfolgerung: „Es muss intensiv in die Weiterbildung investiert werden, um die Mitarbeiter für die digitale Transformation zu begeistern.“

Kreativität und Offenheit sei eine wesentliche Voraussetzung, um den digitalen Wandel zu meistern.
Unterstützung lieferte der Philosoph Richard David Precht. Schließlich lasse sich nicht die Anzahl der – derzeit dringend benötigten – hochbegabten IT-ler beliebig hochtreiben, sondern die Grundbefähigung zum lebenslangen Lernen muss ausgebaut werden. Precht ist davon überzeugt, dass Deutschland – dank seines gesunden Mittelstands – trotz aller notwendigen strukturellen Veränderungen, gut durch die Digitalisierungswelle kommt. Das sähe in China und USA ganz anders aus. „Man darf das Silicon Valley nicht mit den USA gleichsetzen – das ist ein Raumschiff, das dort gelandet ist“, so Precht. Ohne Zweifel hat Deutschland einige Entwicklungen – er verwies auf den schleppenden Ausbau des Glasfasernetzes - verschlafen, aber das sei noch kein Grund, dass man nun nicht gründlich über die Digitalisierung nachdenken darf. Es gibt immer noch große Bereiche, wo man gesellschaftlich relevante Fragen stellen darf, z.B. ob man Smart Cities haben möchte oder nicht. „Es ist gut, dass wir eine kritische Intelligenz in Deutschland haben, die das hinterfragt. Ich glaube auch nicht, dass Deutschland hieraus ein Problem entsteht“, so Precht.

Drei Chemie-Unternehmen zeigten, wie sie mit den Veränderungen durch die Digitalisierung umgehen. So ist für Oliver Coenenberg, Geschäftsführer Personal und Organisation bei Sanofi, Frankfurt, spürbar, dass sich die benötigten Berufsbilder ändern. Neben Chemiker und Biologen sind jetzt auch Elektroniker oder Online-Marketing-Experten gefragt. Das hat Auswirkungen auf die Arbeitsplatzgestaltung, die Arbeitszeiten und auf die Qualifikation. Seine Empfehlung: „Natürlich steht der Mensch weiterhin im Mittelpunkt, aber wir müssen unsere Belegschaft mitnehmen.“
Sjef Arets, Vice President Manufacturing EU/China bei DSM, beschrieb wie das „Continous Improvement“ bei DSM verankert wurde. Gerade bei Umstrukturierungsprojekten habe man gemerkt, dass diese nicht so erfolgreich waren wie gewünscht. Es sei klüger, sich kontinuierlich auf das Mindset und das Verhalten von Mitarbeitern zu konzentrieren. Sein Appell: „Führungskräfte müssen zuhören und Fragen stellen statt zu reden. Wieso sollte eine Führungskraft ein Problem im Feld besser lösen als der Mitarbeiter, der jeden Tag damit umgeht?“ DSM setzt daher statt auf das Talentmanagement auf das Management von Talent. „Früher hat man sich meist auf die 8% der scheinbar wichtigsten Mitarbeiter konzentriert, heute suchen wir das Talent in allen.“

Und auch bei Evonik hat sich die Welt verändert, wobei künstliche Intelligenz bereits 1964 im Industriepark Marl eingesetzt wurden. Diese sei also lange nicht so disruptiv wie man vermuten könne, wie Dr. Henrik Hahn, Chief Digital Officer, Evonik, verwies. Derzeit werden bestehende Geschäfte und Prozesse an die digitale Umwelt angepasst, etwa in puncto Virtualisierung oder das IIoT, aber auch im Hinblick auf neue Geschäftsmodelle. Prinzipiell seien etwa alle Plattform-Geschäfte interessant, die zwar nicht neu seien, aber durchaus intelligent kopiert werden können. Vom Silicon Valley könne man lernen, wie agile Projektmanagementmethoden eingesetzt werden. Wobei diese nicht für jeden geeignet seien, weil sie eine ungeheure Transparenz von jedem einzelnen verlangt. Sein Fazit: „Die Digitalisierung verändert die Arbeit, Beschäftigung und auch Berufsbilder, ersetzt diese aber nicht zwangsläufig. Vielmehr geht es jetzt darum, einen Bewusstseinswandel hinsichtlich neuer Geschäftsmöglichkeiten ein zu leiten.“

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