Die smarteste Fabrik kommt nicht ohne Menschen aus

Die smarteste Fabrik kommt nicht ohne Menschen aus

Professor Wäfler, im Zusammenhang mit dem Human-Machine-Teaming fällt sehr häufig der Begriff soziotechnisches System. Was genau steckt dahinter?

 

Der Begriff beschreibt Unternehmen als Systeme, die aus technischen und aus menschlichen Teilen bestehen. In Kombination entsteht das soziotechnische System. Zum technischen Teilsystem gehören die Maschinen, die IT, aber auch Prozesse, Vorschriften oder räumliche Infrastruktur. Zum sozialen Teilsystem gehören die einzelnen Mitarbeitenden, die Teams, in denen sie arbeiten, und andere Subgruppen mit ihren individuellen Bedürfnissen und Verhaltensweisen. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil das technische und das soziale Teilsystem nach unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten funktionieren. Damit ein Unternehmen das Maximum herausholen kann, muss es das Zusammenwirken von Mensch, Technik und Organisation optimal aufeinander abstimmen. Berücksichtigt man nur technische Aspekte, dann wird das Gesamtsystem suboptimal funktionieren.

"Eine smarte Kombination haben wir dann, wenn wir Mensch und Technik als komplementär verstehen."

Menschen und Maschinen werden also zu Kollegen. Aber wie müssen solche Mensch-Maschine-Kombinationen in der Praxis konkret aussehen, um nicht nur in der Theorie „smart“ zu sein?

Bei der Zusammenarbeit von Mensch und Künstlicher Intelligenz - bzw. KI - ist wichtig, dass KI zukünftig in der Lage ist, sich erklären zu können, Stichwort „Explainable Artificial Intelligence.“ Nur so kann der Mensch sinnvoll mit ihr arbeiten. Schließlich machen auch KIs, zum Beispiel in Form von Robotern oder entscheidungsunterstützenden Systemen, Fehler. Das muss der Mensch erkennen können. Dies geht aber nur, wenn die KI sich selbst erklärt, Argumente für ihre Vorschläge oder ihr Handeln liefern.

Jeder Part hat also seine Stärken. Was kann der Mensch besser als KI, und was kann KI besser als der Mensch?

KI kann gut rechnen und dabei sehr viele Daten miteinbeziehen. Ist sie gut trainiert, kann sie damit Fragen, auf die sie spezialisiert ist, fundiert beantworten. Der Mensch hingegen kann denken und besitzt ein breites Wissen, sowohl fachlich als auch in Sachen Allgemeinbildung. Dieses Wissen hilft ihm, Vorschläge der KI zu interpretieren und zu plausibilisieren. Diese Fähigkeit ist extrem wichtig. Wenn beispielsweise die Daten, mit denen eine KI trainiert wird, Verzerrungen haben – was nicht unwahrscheinlich ist – dann werden die Antworten der KI ebenfalls Fehler beinhalten. Das erkennt der Mensch.

Das heißt, der Mensch braucht eigentlich gar keine neuen Fähigkeiten, wie man immer wieder liest, wenn es um die Jobs der Zukunft geht?

Zumindest werden Fachwissen und eine gute Allgemeinbildung auch zukünftig sehr wichtig sein. Deshalb ist es etwas missverständlich, von neuen Fähigkeiten zu sprechen. Richtig ist die Aussage: Dort, wo Technik nicht eingesetzt wird, um Menschen zu ersetzen, sondern um Mensch und Technik smart zu kombinieren, werden die Anforderungen steigen. Da Prozesse immer komplexer werden, braucht der Mensch zusätzliches Fach- und Methodenwissen. Zudem wird interdisziplinäres Arbeiten noch wichtiger als bisher. Denken Sie an die Formel 1 und Michael Schumacher. Er soll besonders gut darin gewesen sein, sein Auto zu verstehen. Dadurch konnte er mit den Ingenieuren optimal kommunizieren, und diese konnten dank der Informationen das Auto perfekt einstellen. Es reicht heute nicht mehr aus, ein guter Fahrer, also auf „seinem“ Gebiet gut zu sein. Hinzu kommt die Fähigkeit, mit anderen Spezialisten gut zu kommunizieren und zusammenzuarbeiten. Zudem kann der Mensch im Gegensatz zur KI Kontextwissen und breite Erfahrung einbringen.

Zur Person

Professor Toni Wäfler lehrt Angewandte Psychologie an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist der Bereich Arbeitspsychologie. Hier setzt er sich unter anderem mit den psychologischen Auswirkungen der Zusammenarbeit von Mensch und Maschine und den Auswirkungen der Digitalisierung auseinander.

Viele Unternehmen beklagen, dass ebendieses Wissen und die Praxiserfahrung immer mehr verloren gehen. Kann das Human-Machine-Teaming ein Lösungsansatz sein?

Arbeit muss so gestaltet sein, dass es dem Menschen möglich bleibt, auch weiterhin Praxiserfahrung zu sammeln. In der Geschichte der Arbeit haben sich die Menschen einen Großteil ihres Wissens durch Tun angeeignet. Übernimmt eine Maschine das Tun vollständig, kann der Mensch keine Erfahrung mehr aufbauen. Gleichzeitig steigt parallel die Komplexität immer weiter. Nur wenn auch zukünftige Generationen relevante Praxiserfahrungen sammeln, bleibt das Erfahrungswissen erhalten. Diesen Punkt sollte man bei aller Automatisierung unbedingt berücksichtigen. Und am Ende profitieren die Unternehmen, denn Erfahrung und Kontextwissen sind genau das, was den Menschen so wertvoll macht, weil es keine Maschine leisten kann.

Sie haben einmal gesagt: Seine Potenziale beim Human-Machine-Teaming kann der Mensch nur dann entfalten, wenn Industrie-4.0-Technologien smart eingeführt werden. Was heißt das konkret?

Man darf Mensch und Technik nicht als Konkurrenten sehen. Mit Technik den Menschen kopieren oder ihn sogar ersetzen zu wollen, ist der falsche Ansatz. Möglich ist es natürlich, aber eben keine smarte Kombination. Eine smarte Kombination haben wir dann, wenn wir Mensch und Technik als komplementär verstehen. Ein Beispiel: Beim Fliegen ist es das Zusammenwirken von Pilot und Flugzeug, das die Reise von A nach B ermöglicht. Dies ist selbst in hochautomatisierten Flugzeugen mit modernster Technik so. Das automatisierte Fliegen zu überwachen ist eine anspruchsvolle Aufgabe, ebenso wie das Eingreifen in Notfällen. Damit das Fliegen funktioniert, braucht es Flughäfen, Fluglotsen, Flugzeugwartung – allesamt komplexe soziotechnische Systeme. Solche Systeme lassen sich auf die gesamte Arbeitswelt übertragen, zum Beispiel auf die Prozessindustrie. Selbst die smarteste Fabrik kommt nicht ohne Menschen aus.

Und wenn ich einfach ein System ohne Menschen schaffe? Dann habe ich das Problem mit dem Zusammenspiel nicht, und Maschinen kosten langfristig weniger Geld als Menschen …

Trotz sämtlicher Entwicklungen kann ich mir ein solches Szenario einfach nicht vorstellen. Theorien, die in diese Richtung gehen, halte ich für falsch. Sicher gibt es Teilaufgaben, die voll automatisiert ablaufen können. Aber es wird immer auch Teilaufgaben geben, an denen Menschen beteiligt sind, zum Beispiel bei der Wartung und Weiterentwicklung der Systeme. Dazu brauchen die Menschen operatives Know-how über das Betreiben des Systems. Wenn ich ein so komplexes System erschaffen würde, das kein Mensch mehr versteht, wird der Mensch es auch nicht mehr überwachen und im Notfall kontrollieren können. Insgesamt wird es daher nicht mehr mit der notwendigen Sicherheit funktionieren. Man kann es mit der Automatisierung also auch zu weit treiben. Zu glauben, ich wäre ökonomisch effizient, indem ich den Menschen vollständig durch Maschinen ersetze, ist schlicht und einfach eine Illusion. Im Gegenteil, manchmal ist es gerade ökonomisch, nicht bis zum Maximum zu automatisieren, sondern die richtige Mischung aus Mensch und Maschine zu finden.

"Zu glauben, ich wäre ökonomisch effizient, indem ich den Menschen vollständig durch Maschinen ersetze, ist schlicht und einfach eine Illusion."

Und was können Unternehmen tun, damit das Zusammenspiel von Mensch und Technik möglichst optimal funktioniert?

Wir müssen die bereits bekannten Methoden – das Zusammenwirken von Mensch und Maschine ist ja nicht neu – vor dem Hintergrund neuer technologischer Entwicklungen weiterentwickeln und praxistauglich machen. Wichtig ist auch die Haltung der Unternehmen. Betrachte ich meine Mitarbeitenden als ein zentrales Asset, im Sinne von Wissens- und Erfahrungsträgern? Oder betrachte ich sie als Arbeitskapazitäten, die möglichst wegautomatisiert werden sollen? Meine Position ist eindeutig: Konkurrenzvorteile in unseren Breitengraden stecken nicht in der Technik, sondern in den Köpfen und den Händen der Mitarbeitenden. Die Technik kann sich auch die Konkurrenz beschaffen. Die Technik besser zu nutzen als der Konkurrent, das ist die Kunst. Damit werden die Mitarbeiter zum zentralen Konkurrenzfaktor, denn eine smarte Kombination von Mensch, Technik und Organisation ist nicht einfach kopierbar. Zentral sind dabei der Erhalt und die Weiterentwicklung von Wissen und Erfahrung. Der Einsatz von Technik darf nicht dazu führen, dass Menschen Wissen und Fähigkeiten verlieren. Wenn Flugzeuge automatisch fliegen, darf das nicht auf Kosten der fliegerischen Fähigkeiten des Piloten gehen. Um dies zu verhindern, müssen Unternehmen genau verstehen, welche die Kernkompetenzen in den Köpfen und Händen ihrer Mitarbeitenden sind, und wie Automatisierung vorzunehmen ist, damit diese Kompetenzen nicht verloren gehen.

Sie sind Experte für Arbeitspsychologie. Was für Auswirkungen haben die Automatisierung und damit der Wandel der Arbeit unter psychologischen Gesichtspunkten auf den Menschen?

Neben dem bisher Erwähnten, verunsichert Wandel die Menschen. Das gilt besonders dann, wenn Mitarbeiter zum Spielball des Wandels werden und befürchten müssen, die Kontrolle darüber zu verlieren, was mit ihnen passiert. Dann entstehen Befürchtungen. Wir müssen aufpassen, dass diese Befürchtungen nicht zur Bekämpfung des Wandels führen. Schließlich brauchen die Unternehmen dringend den technischen Fortschritt, um international konkurrenzfähig zu bleiben. Wir müssen im Wandel also den Betroffenen möglichst viel Kontrolle übergeben, indem wir sie in die Gestaltung des Wandels einbeziehen.

Das klingt gut und sinnvoll – in der Theorie. Aber wie funktioniert ein solcher Change-Prozess in der Praxis?

Zunächst müssen Unternehmen und deren Führungskräfte verstehen, dass häufig nicht die neue Technologie oder die Automatisierung Auslöser für Widerstand, oder zumindest Skepsis, ist, sondern der Kontrollverlust. Interessanterweise wird ein gutes Change-Management trotzdem häufig immer noch als „nice to have“ gesehen, obwohl es ein absolutes „must have“ ist. Unternehmen müssen die Mitarbeiter einbeziehen, wenn der Wandel Erfolg haben soll. Denn genau diese Mitarbeiter kennen die Anlagen, Maschinen und Prozesse und können mit ihrem Wissen den Wandel mit Abstand am besten und effektivsten gestalten. Nimmt man sie nicht mit, behalten sie dieses Wissen immer mehr für sich, weil ihr Wissen sie davor schützt, vom Wandel verdrängt zu werden. Man muss ihnen daher zeigen, dass man auf sie setzt – und das tut man, indem man sie in die Automatisierung mit einbezieht. Das hat auch nichts mit Nettigkeit zu tun, oder mit der ebenfalls wichtigen ethischen Verantwortung für die Mitarbeiter seitens der Unternehmen. Neue Systeme funktionieren nicht ohne Menschen, trotz aller Automatisierung.

Ähnliche Artikel

20 Jahre Maintenance-Innovation

  March 2019

Die Digitalisierung ist in den Unternehmen angekommen. Und so überrascht es nicht, dass beim

  / Marco Wagner , Manager

Anders netzwerken

  March 2018 / Frank-Uwe Hess , Co-Chairman

Zweimal im Jahr lädt T.A. Cook Top-Führungskräfte aus der Instandhaltung zur Fokusgruppe Maintenance